Kann die Schule überleben?

Carlos Lindemeyer, ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Schule Barranquilla, Kolumbien. Im Interview spricht er über die Corona-Krise und die kritische Lage der Deutschen Schule vor Ort.

Carlos Lindemeyer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Schule Barranquilla, Kolumbien. Foto: WDA / Jan Michalko

Das Interview erschien zuerst am 3. Mai 2020 beim Deutsch Kolumbianischen Freundschaftsverein.

Herr Lindemeyer, Wie ist die Corona-Situation in Barranquilla und an der Küste?

Lindemeyer: Obwohl es am Anfang ganz gut unter Kontrolle erschien, hat sich die Lage in der letzten Zeit sehr geändert. Die Ansteckungsrate wächst. Leider ist die Disziplin der Einwohner in den ärmeren Vierteln der Stadt nicht gut, da die eingesetzten Einschränkungen nicht eingehalten werden. Das andere Problem ist die wirtschaftliche Lage von vielen Unternehmen und Einwohnern – und die erwartete Arbeitslosigkeit, die in den kommenden Wochen ein großes Problem darstellen wird.

Wo ist die Not am größten?

Lindemeyer: Bei Migranten ist die Not gewaltig. Hauptsächlich die Venezolaner haben sehr große Probleme. Migranten werden von den lokalen Regierungen häufig nicht als Fokus der Hilfsaktion gesehen, zudem haben sie kein Gesundheitssystem, das sie schützt und Arbeit haben sie auch keine mehr. Die meisten Migranten waren in der „Informalität“ tätig. Hier setzt unsere Hilfe ein. Wir helfen dabei, diese Menschen mit Mercados und Hilfspaketen zu versorgen.

Lindemeyer: „Bei Migranten ist die Not gewaltig.“
Lindemeyer: „Bei Migranten ist die Not gewaltig.“

Carlos Lindemeyer, Sie sind auch Präsident der Deutschen Schule in Barranquilla. Wie wird dort derzeit unterrichtet?

Lindemeyer: Seit dem 19. März wird virtuell unterrichtet, deswegen sehen die Schüler ihre Lehrer nur noch auf dem Bildschirm. Das Digital Learning erfordert große Anstrengung, um das Qualitätsniveau der Schule zu erhalten. Kreativität ist dabei sehr wichtig. Lehrer müssen, und versuchen, die besten Methoden zu finden, um die Motivation der Schüler zu behalten und auch die Kooperation der Eltern zu behalten, die in dieser Krise sehr wichtig sind.
Die Schule arbeitet an einer Methode, die im nächsten Jahr wahrscheinlich benutzt werden soll. Es handelt sich um eine Art „Blendend Learning“, bei dem die Schüler sowohl Digital- als auch Präsenz-Unterricht bekommen werden.

Wie muss man sich die Lage dort vorstellen?

Die Schulräume sind seit dem 14. März leer. Die Zahlungsmoral der Eltern hat sich aufgrund der Krise leider sehr verschlechtert. Die Schule ist deswegen seit Mitte März sehr abhängig von den Reserven – die leider nicht mehr lange reichen werden.

Die Schule wird dieses Schuljahr beenden, es ist aber eine große Frage, wie das nächste Jahr ablaufen wird und auch, ob es überhaupt möglich sein, wird die Schule weiter zu führen. Die Träger der Deutschen Schule Barranquilla erwirtschaften rund 90 Prozent ihrer Mittel eigenständig über Schulgelder. Den Rest stellen Bund und Länder auf Grundlage des Auslandsschulgesetzes bereit – zum Beispiel durch das Entsenden von einigen Lehrkräften.

Zudem fordern Eltern auch eine Senkung der Schulgebühren, da der Unterricht nur noch digital stattfindet. Das Problem ist aber, dass Fixkosten weiter gedeckt werden und Lehrkräfte bezahlt werden müssen, um das Qualitätsniveau unserer Schule und auch das Schulgelände zu erhalten. Wir sind zwar privat, aber nicht gewinnorientiert. Alles Geld fließt daher direkt in die Schule. Wie es weitergeht? Vamos a ver.

Das Interview führte Jenny Schuckardt, Niederlassungsleiterin München des Deutsch Kolumbianischen Freundschaftsvereins.

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