„Deutsche Schulen im Ausland haben eine Leuchtturmfunktion“

Stefanie Zeidler ist deutsche Generalkonsulin in Bordeaux (Frankreich). Im Interview mit der Deutschen Schule Toulouse spricht sie über Arten der Auslandsschulen, Mehrsprachigkeit jenseits von Englisch und die Arbeitswelt von morgen.

Stefanie Zeidler ist deutsche Generalkonsulin in Bordeaux (Frankreich). Im Interview mit der Deutschen Schule Toulouse spricht sie über Arten der Auslandsschulen, Mehrsprachigkeit jenseits von Englisch und die Arbeitswelt von morgen.

Auf Ihren Auslandsstationen haben Sie viel „Best-Practice“ gesehen. Was sind Ihre Beobachtungen?

Als Kulturreferentin im Ausland hatte ich immer wieder mit Deutschen Schulen im Ausland (DAS) zu tun. Dabei habe ich sehr unterschiedliche Modelle kennenlernen können. Die Deutsche Schule in New York zum Beispiel war seinerzeit – Anfang der 90er Jahre – eine relativ kleine, so genannte Experten-Schule, also eine Schule überwiegend für Auslandsdeutsche. In Lateinamerika, in Ländern wie Brasilien zum Beispiel, sind die Schulen dagegen oft riesige Wirtschaftsunternehmen. In Südafrika wiederum haben meine Kinder eine eher kleinere Deutsche Auslandsschule besucht.

Balance zwischen Schulversorgung deutscher Kinder im Ausland und Kultur des Gastlandes

Die Herausforderung ist immer die Balance zwischen der Schulversorgung deutscher Kinder im Ausland mit Blick auf den schulischen Anschluss in Deutschland zum einen und der Begegnung mit der Gesellschaft und Kultur des Gastlandes, also auch der Berücksichtigung der Anforderungen des Bildungssystems des Gastlandes zum anderen. Bei den großen Begegnungsschulen spielen Sprache und Lehrpläne des Gastlandes oft eine größere Rolle. Da fällt die Integration der Experten-Kinder manchmal schwerer. Bei den kleineren Schulen hingegen, insbesondere dort, wo die örtlichen Gesetze die Beschulung von Landeskindern gar nicht erlauben, findet weniger Austausch und Begegnung statt. Wie man hier eine gute Mitte findet, hängt natürlich sehr von den örtlichen Gegebenheiten ab, aber ich habe den Eindruck, dass das in Toulouse – auch dank ihrer französischen Partnerschule – gut gelungen ist.

Und wie erleben Sie die deutsche Schule in Toulouse?

Die Herausforderung zeigte sich schon vor 30 Jahren in New York, meiner ersten Auslandsstation. Für Schulen mit einem sehr ausgeprägten Deutschprogramm ist es nicht unbedingt einfach, Schüler aus dem Gastland zu gewinnen. Das war in der sehr viel größeren, deutschen Schule in Sao Paulo kein Thema. Das sind sehr gute Schulen mit einem sehr guten Ruf auch für brasilianische Familien ohne Deutschbezug. Aufgrund ihres wegen der Schülerzahl reichhaltigen Angebotes haben sie kein Problem, neue Schüler zu rekrutieren. Die kleineren, eher auf die Bedürfnisse der Expatriate-Kinder ausgerichteten Schulen haben da eher zu kämpfen. Die Frage ist dort stets: Wie können wir unsere Schülerbasis halten oder gegebenenfalls sogar verbreitern? In Südafrika zum Beispiel hat man auch solche Ansätze verfolgt, wie jetzt in Toulouse. Und die Einsicht auch dort war: Wir müssen die Schülerschaft von unten aufbauen. Wir müssen mit einem guten Kindergarten- und Vorschulangebot beginnen, und hierbei auch die Familien ansprechen, bei denen Deutsch nicht die Familiensprache ist.

Schülerschaft vom Kindergarten aufbauen

Die Öffnung ist natürlich ein Spagat, sprachlich zusätzliche Angebote zu schaffen und trotzdem den deutschen „Markenkern“ zu erhalten, also die Anschlussfähigkeit an das deutsche Schul- und Ausbildungssystem. Für uns als Auswärtiges Amt ist das sehr wichtig – auch mit Blick auf die Stärkung des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandorts Deutschlands. Mit Anschlussfähigkeit meine ich, dass man Abschlüsse anbietet, mit denen die Kinder von Expatriates dann zu Hause in Deutschland weiterstudieren können. Und das ist natürlich auch für französische und den ein oder anderen internationalen Schüler attraktiv. Das AbiBac bietet hier die besondere Chance in Deutschland sowie auch in Frankreich mit der Ausbildung weitermachen zu können. Das AbiBac ist ein hohes Gut, was die Deutsche Schule Toulouse anbietet und erhalten sollte.

Was zeichnet für Sie eine deutsche Auslandsschule aus?

Drei Dinge: Das Angebot, die Integrationsfähigkeit und die Anschlussfähigkeit – und das für alle Abschlüsse. Das gilt also auch, wenn man nicht bis zum Abschluss im Gastland bleibt sondern wieder nach Deutschland zurück- oder auch woanders in der Welt hingehen muss. Dort kann dann die Schulausbildung fortgesetzt werden.

Deutsche Schulen im Ausland haben eine Leuchtturmfunktion

Auch wichtig ist die Ausstrahlung in das Gastland, nicht nur im Hinblick auf die Akquise, sondern auch auf das Vermögen, Schüler aus dem Gastland für die deutsche Schule zu gewinnen und zu begeistern. Deutsche Schulen im Ausland haben eine Leuchtturmfunktion. Sie sind Beispiel für die deutsche Kultur, für deutsche Werte. Und natürlich auch für ein gelebtes Miteinander.

Wo würden Sie eine optimale Größe ansetzen?

Man kann hier keine konkrete Zahl nennen. Das hängt von der Umgebung ab. Auch von der Demographie. Wie viele Familien mit deutschem Hintergrund, mit Deutsch-Bezug leben im Einzugsgebiet?

Was sehen Sie als die großen Trends im Schulleben?

Schwierige Frage. An der Digitalisierung sind die Schulen ja bereits dran. Corona hat es ja sehr deutlich gemacht, wie wichtig es ist, auch digital arbeiten zu können und diese Kompetenzen aufzubauen.

Welche Fähigkeiten erachten Sie für heutige Schulabgänger als wichtig?

Große Offenheit, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, das alles ist heute – glaube ich – noch viel wichtiger als es immer schon war. Man muss sich heute darauf einstellen, dass sich im Laufe des Berufslebens die Rahmenbedingungen immer wieder ändern, dass man sich immer mal wieder neu orientieren muss. Sprachkompetenz, Fremdsprachenkompetenz und mehr als nur Englisch sind auch sehr wichtig. Englisch wird bei anspruchsvollen Berufen immer vorausgesetzt – und das Deutsch/Französisch, wie es an der Deutschen Schule Toulouse gelebt wird, ist ein wichtiger Mehrwert und Differenzierungsfaktor. Gerade in Europa ist mehr als „nur“ Englisch gut.

Englisch wird heute fast schon vorausgesetzt

Wichtig ist es auch, Sozialkompetenz in diversen Teams erlernt zu haben. Teams, die sich immer wieder neu zusammensetzen, gehören heute zum Alltag. Agilität, agile Teams – das müssen unsere Kinder beherrschen. Und Team-Arbeit ist etwas, was zur Kernkompetenz der Deutschen Schule gehört.

Was sind ihre Berührungspunkte mit der Deutschen Schule Toulouse?

Einer meiner ersten Besuche gleich nach meinem Amtsantritt in Bordeaux ging nach Toulouse. Die Deutsche Schule Toulouse ist unsere einzige deutsche Auslandsschule in meinem doch sehr großen Amtsbezirk und daher ein ganz wichtiges Flaggschiff unserer auswärtigen Kultur und Bildungspolitik in der Region. Daher war es für mich wichtig, mir schon frühzeitig einen ersten Eindruck zu verschaffen und mich vorzustellen.

Insgesamt haben wir sieben Abibac Schulen im Bezirk, aber die Deutsche Schule Toulouse als Deutsche Auslandsschule genießt einen besonderen Stellenwert, denn hier ist das AbiBac nicht nur Teilprojekt, sondern gehört ganz wesentlich zum Profil der Schule.

Was empfehlen Sie unseren Absolventen? Einen direkten Einstieg in das Berufsleben oder erst einmal die Welt angucken?

Ich persönlich habe viel Sympathie dafür, sich erst einmal die Welt anzugucken, weil ich es auch selbst so gemacht habe. Meine Kinder hat es auch erstmal in die Welt gezogen, weil sie nach dem Abitur noch keine klare Vorstellung gehabt hatten, was sie danach machen wollten. Da hat das Jahr im Ausland sehr geholfen. Natürlich: Bei einer klaren Vorstellung spricht auch nichts gegen einen Direkteinstieg, aber es wird erfahrungsgemäß immer schwieriger, später noch einmal eine Gelegenheit für eine Auszeit zu finden. Nach der Schule sind die Rahmenbedingungen dafür gut. Eine tolle Chance, noch einmal etwas anderes auszuprobieren, etwas anderes kennenzulernen, und das sollte man nicht vertun.

Möchten Sie unseren Lesern noch eine Botschaft mitgeben?

Meine große Anerkennung geht an die Lehrkräfte. Eine gute Schule funktioniert nur als gute Schule, wenn sie gute und engagierte Lehrer hat. Die Lehrer sind die, die täglich das große Projekt, die große Idee einer bikulturellen, zweisprachigen Schule umsetzen. Da gibt es sicherlich auch vielfältige Vorbehalte, Hürden und vielleicht auch Kommunikationsschwierigkeiten im Alltag zu überwinden. Da sind es dann meist die Lehrer, die das ausbalancieren müssen. Man kann gar nicht genügend Anerkennung aussprechen für das, was die Lehrer und die Schulleitung gemeinsam leisten.

Anerkennung für das, was Lehrer und Schulleitung gemeinsam leisten

Den Schülern möchte ich sagen: Glückwunsch! Habt ihr ein Glück, dass ihr eine so gute Vorbereitung auf all das, was da auf euch wartet, bekommt. Dass ihr diese Mehrsprachigkeit, diese Fähigkeit über kulturelle Grenzen hinweg miteinander denken und arbeiten zu können, so selbstverständlich an der Deutschen Schule Toulouse mitbekommen habt, was andere sich erst mühsam aneignen müssen – das ist schon ein besonderes Privileg!

Dem Umland würde ich sagen: „Hey, seid neugierig! Guckt mal, was da angeboten wird! Da ist sicherlich auch für Euch etwas dabei!“

Liebe Frau Zeidler, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Stefan Schaffrath, Vorstandsmitglied Marketing und Kommunikation an der Deutschen Schule Toulouse im Juni 2022.

Stefanie Zeidler
Stefanie Zeidler, Auswärtiges Amt

Zur Person

Stefanie Zeidler wurde 1960 in Hamburg geboren. Schon mit vier Jahren ging es hinaus in die weite Welt, nach Bayern. Stefanie Zeidler hat selbst zwei erwachsene Kinder, die heute bereits im Berufsleben stehen. Sie arbeitet im diplomatischen Dienst des Auswärtigen Amts und hat die natürliche Neugier, andere Länder, Sprachen und Kulturen zu erkunden. Stefanie Zeidlers bisherige Auslandsstationen waren New York, Brasilia sowie Sambia und Südafrika. Im Sommer 2021 wurde sie als Generalkonsulin der Bundesrepublik Deutschland für den Amtsbezirk Nouvelle Aquitaine, Midi Pyrénées und Toulouse nach Bordeaux berufen.

Mehr Informationen:

Deutsche Schule Toulouse auf lehrer-weltweit.de

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