"Wertbeiträge verteidigen, legitimieren und kommunizieren"

Was heißt "Public Value"? Warum ist der Ansatz spannend für ganz verschiedene Organisationen, von der Bundesagentur für Arbeit bis zum FC Bayern? Wie können die Deutschen Auslandsschulen ihren gesellschaftlichen Wertbeitrag messen? Im Gespräch beantwortet der Wirtschaftsforscher Professor Timo Meynhardt die wichtigsten Fragen zum Thema Public Value.

Herr Professor Meynhardt, was steckt hinter dem Begriff "Public Value"?


Public Value heißt "Wert für die Öffentlichkeit" und bezeichnet den Wertbeitrag und Nutzen einer Organisation für die Gesellschaft. Der Public Value-Ansatz stellt also die Frage in den Mittelpunkt: Was macht eine Organisation wertvoll für die Gesellschaft? Er verdichtet verschiedene Sichtweisen auf eine Organisation zu einem kollektiven Bild ihrer gesellschaftlichen Wertschöpfung. Kurzum: Es geht darum, Wertschöpfung neu zu verstehen. Oder, wie kürzlich jemand in einer unserer Befragungen in der Schweiz treffend sagte: Public Value ist, was uns alle angeht. Im Grunde wird damit die Frage nach dem Gemeinwohl-Beitrag auf neue Weise gestellt und beantwortet.

Timo Meynhardt lehrt Management an der Universität Lüneburg und leitet das Center for Leadership and Values in Society an der Universität St. Gallen.

Auch Shareholder Value, Corporate Social Responsibilty oder Nachhaltigkeitsmanagement stellen die Wertschöpfung in den Mittelpunkt. Was zeichnet den Public Value-Ansatz aus?


Der Erfolg einer Organisation hängt stark davon ab, wie gut es ihr gelingt, das "Ohr an der Gesellschaft" zu haben. Jedes Unternehmen, jede öffentliche Einrichtung muss verteidigen, legitimieren und kommunizieren, welche Wertbeiträge sie schafft. Das ist mehr als der Börsenkurs, das soziale Engagement oder die Kundenzufriedenheit. Der Public Value-Ansatz reduziert nicht auf eine Dimension, sondern geht ganzheitlich und dialogisch an den Wertbeitrag heran: Was leistet eine Organisation durch ihr Kerngeschäft beziehungsweise ihren Auftrag im gesellschaftlichen Kontext? Wie schafft sie Zusammenhalt? Was kommt wirklich bei den Menschen an?



Über Public Value nachzudenken bedeutet gesellschaftliche Zusammenhänge in den Blick nehmen, genauso wie Abhängigkeiten. Dabei werden moralische, wirtschaftliche, kulturelle, zwischenmenschliche, aber auch hedonistische Wertbeiträge erfasst - gleichberechtigt nebeneinander, ohne Hierarchie und Ideologie. Das macht Public Value umfassender, flexibler und offener als Ansätze, die nur auf Shareholder Value oder CSR abstellen - und spannender.

Welche Erfahren haben andere Organisationen mit dem Ansatz gemacht?


Der Harvard-Wissenschaftler Mark H. Moore hat den Public Value-Ansatz ursprünglich mit Blick auf das Management öffentlicher Verwaltungen entwickelt. Mittlerweile kommt die Gemeinwohl-Idee in ganz unterschiedlichen Bereichen und Branchen zum Tragen: in staatlichen Einrichtungen genauso wie in internationalen Unternehmen und gemeinnützigen Organisationen.



Konzerne wie Fresenius Medical Care und die Deutsche Börse AG suchen nach neuen Wegen, die gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Stakeholder besser zu verstehen. Der ORF berichtet inzwischen regelmäßig darüber, welchen Wertbeitrag der öffentlich-rechtliche Rundfunk für Österreich schafft. Die Bundesagentur für Arbeit nutzt den Ansatz, um sich ihrer Gesamtleistung zu vergewissern. Und der FC Bayern hat seinen umfassenden Public Value als Kriterium für interne Entscheidungsprozesse entdeckt. Aber auch kleinere, regional orientierte Einrichtungen setzen auf den Ansatz: So wurde ein Public Value-Award ins Leben gerufen, um öffentliche Bäder für ihre gesellschaftliche Wertschöpfung auszuzeichnen.

Auf Initiative seiner Mitglieder hat der WDA gemeinsam mit Ihnen ein Studienprojekt zum Wertbeitrag der Deutschen Auslandsschulen gestartet. Was ist hier zu erwarten?


Das Public Value-Projekt bietet den Deutschen Auslandsschulen die Möglichkeit einer Standortbestimmung: Sie kann aufzeigen, wofür die Deutschen Auslandsschulen stehen und welches Potenzial in ihnen steckt. Eine solche Spiegelung stärkt das Netzwerk der Deutschen Auslandsschulen insgesamt, aber auch jede einzelnen Schule vor Ort. Zugleich kann das Projekt nach außen verdeutlichen, wie wertvoll die Schulen für Gesellschaft und Wirtschaft sind. Das stärkt den Rückhalt in der Öffentlichkeit, die bisher eventuell nur zum Teil wahrgenommen hat, welche Aufgaben die Deutschen Auslandsschulen erfüllen.

Bei der Studie können Dinge herauskommen, die bisher unbeachtet geblieben sind oder unterschätzt wurden; andere Aspekte sind vielleicht weniger wichtig als bisher angenommen. Eventuell finden wir auch Dinge heraus, die irritieren. Wie unsere bisherigen Public Value-Projekte zeigen, ist das nicht schlecht, sondern sehr hilfreich. Die Ergebnisse können Lernanstöße geben, weil sie offenlegen, in welchen Spannungsfeldern die Deutschen Auslandsschulen agieren.



Auf Basis der Untersuchung entsteht eine sogenannte Public Value-Scorecard. Das ist eine Art Radar, das die Schulen unterstützt, sich mit den Chancen und Risiken ihrer Arbeit auseinanderzusetzen und für die Zukunft aufzustellen.

Für die Studie werden Experten für das Auslandsschulwesen in Deutschland sowie Schulleiter und Schulvorstände weltweit befragt. Warum fragt man nicht auch Schüler, Eltern oder den deutschen Steuerzahler?


Im ersten Schritt geht es darum, durch die Binnenperspektive zu bestimmen, wofür die Deutschen Auslandsschulen stehen und was sie leisten. Die Studie wird den Schulen einen klaren Kriterienkatalog an die Hand geben, anhand dessen sie ihre Arbeit bewerten und ausrichten können. Das ist die Voraussetzung, um die Untersuchung auf weitere Zielgruppen auszuweiten. So ist zum Beispiel denkbar, die Public Value-Scorecard künftig an regionale Gegebenheiten anzupassen. Es ist klar, dass das Umfeld einer Schule in China ganz anders ist als in Frankreich - oder das Begegnungsschulen andere Themen als Expertenschulen haben. Künftig könnten einzelne Deutsche Auslandsschulen gemeinsam mit Partnern vor Ort an Maßnahmen arbeiten, wie sie ihren individuellen Public Value erfassen, stärken und selbstbewusst kommunizieren können.

 
 
 
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